Praxis für Komplementärmedizin
Dr. scient. med. Esther Granitzer MSc

Ohne innere Uhr ist kein Leben möglich.

Esther Granitzer, 11. Mai 2013

 

Facharbeit Vergleich und Integration

Masterstudium MSc für komplementäre, psychosoziale und integrative Medizin

 

Chronobiologie und Chronomedizin

 

Ohne innere Uhr ist kein Leben möglich.

 

Einleitung

In dieser Facharbeit beziehe ich mich auf das Zitat „Die miteinander verwobenen Rhythmen im menschlichen Organismus werden auch von der westlichen Medizin mit wachsendem Interesse beobachtet und erforscht.“, welches im Kapitel 2 „Westliche Chronomedizin“ im Vergleich und Integration-Lernfeld 09 auf der Seite 7 erwähnt wird. Rhythmen und zeitliche Organisationen sind für alle lebenden Organismen von grosser Bedeutung. Ohne diese innere Uhr könnten Menschen weder ihre Körpertemperatur, noch den Kreislauf stabil halten, Hähne wüssten nicht, um welche Zeit sie morgens krähen müssen und Pflanzen würden ihre Blüten nicht zu den Insektenflugzeiten öffnen.

 

Hypothese

Ohne innere Uhr ist kein Leben möglich.

 

Methoden

-berufliche Kompetenz

-Internetrecherche

-Literaturrecherche

 

Ergebnis

In allen Lebewesen findet sich ein von der Natur vorgegebener Rhythmus, welcher entscheidet, wann wir für körperliche oder geistige Aktivitäten in Hochform sind, aber auch wann Entspannung an der Zeit ist. Unsere innere Uhr hat uns gut im Griff, auch wenn wir sie weder sehen noch hören können. Meistens tickt sie unbemerkt und wir werden uns ihrer erst dann bewusst, wenn sie aus dem Takt gekommen ist. Viele Lebewesen spüren dies z.B. beim Wechsel von der Winter- auf die Sommerzeit oder auch nach einer Flugreise über verschiedene Zeitzonen hinweg.

Doch wie funktioniert diese innere Uhr und besitzt der Mensch mehrere dieser Taktgeber? Gemäss dem Naturwissenschaftler Prof. Dr. Paolo Sassone-Corsi von der University of California in Irvine USA besitzt jede Zelle in unserem Körper ihre eigene Uhr. Damit unsere Billionen von Uhren vor sich hin ticken, sind Uhren-Gene (CLOCK, BMAL1) ausschlaggebend, die im Zusammenspiel mit Modulatoren ein komplexes, molekulares Uhrwerk bilden. Die Forschungen von Sassone weisen zudem nach, dass dem Stellen der inneren Uhr lediglich die Veränderung einer einzelnen Aminosäure vorausgeht. Ist diese Veränderung jedoch in irgendeiner Weise beeinträchtigt, gerät der Zeitgebermechanismus aus dem Gleichgewicht, das gesamte Zeitmanagement des Organismus wird gefährdet und es können Krankheiten entstehen (Sassone, 2012).

Laut Prof. Dr. Achim Kramer von der Charité in Berlin und Dr. Thomas Blatt vom Hautforschungszentrum in Hamburg weist auch die Haut eine innere Uhr auf, die für die zeitliche Steuerung, Regeneration und die Hautreparatur zuständig ist. Unterschiedliche Herausforderungen wie Frost, Nässe, Hitze und Sonnenlicht wirken je nach Tageszeit sehr verschieden auf unsere Abgrenzung des Körpers zur Umwelt ein. Dem Forscherteam um Kramer und Blatt gelang eine Analyse sämtlicher Gene in den Keratinozyten und sie gewannen daraus die Erkenntnis, dass auch die Haut einem eigenen Rhythmus folgt, was für Therapien von Hautproblemen eine grosse Rolle spielen kann. Laut Kramer können Medikamente zukünftig gezielt zu jenen Tageszeiten eingesetzt werden, an denen sie die beste Wirkung erzielen und v.a. am wenigsten Nebenwirkungen haben (Kramer, 2012).

Dass man sich für die Behandlung von Krankheiten die biologische Uhr zunutze machen kann, fand der Direktor des Instituts für Pharmakologie und Toxikologie der Universität Heidelberg in Mannheim Prof. Dr. Björn Lemmer schon vor über 30 Jahren heraus. Damals arbeitete der ambitionierte Wissenschaftler praktisch rund um die Uhr bis er herausfand, dass die Versuchsratten auf Medikamentengaben bei Tag vollkommen anders reagierten, als in der Nacht. Dieses Schlüsselerlebnis brachte Lemmer zum Spezialgebiet der Chrono-Pharmakologie, dem Fachgebiet, in dem bis heute daran geforscht wird, zu welchen Tageszeiten ein Medikament seine Wirkung am besten entfaltet (Lemmer, 2007).

Auch Univ. Prof. Dr. Maximilian Moser, Leiter des Instituts für Gesundheitstechnologie und Präventionsforschung Human Research in Weiz, Steiermark beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit der biologischen Uhr des Menschen. Gemäss seinen Erkenntnissen weisen isländische Verkehrspiloten ein 25-fach erhöhtes Auftreten an Melanomen auf, welches jedoch nicht durch die verstärkte Sonneneinstrahlung Afrikas auf Nord-Süd-Flügen auftritt. Weit mehr waren die Piloten, welche auf Ost-West-Flügen unterwegs waren betroffen, denn diese überfliegen mindestens fünf Zeitzonen, was die innere Uhr der Piloten stark durcheinander brachte. Gestörte Rhythmen haben im Laufe der Zeit eine Entgleisung der Zellneubildung zur Folge. Eine entscheidende Rolle spielt dabei das Hormon Melatonin, welches in der Nacht ausgeschüttet wird und so das Immunsystem aktiviert und kanzerogene Stoffe, sowie das Wachstum von Krebszellen hemmt. Auf diese Weise ist auch zu erklären, weshalb die Brustkrebsrate bei dänischen Arbeiterinnen, die regelmässige Nachtschichten absolvierten, deutlich erhöht war. Das Licht einer Leuchtstoffröhrenbeleuchtung während einer Nachtschicht unterbricht die Produktion des Melatonins, wodurch die Schutzfunktion gegen Krebs vermindert ist (Moser, 2008).

Was die westlichen Forscher erst seit einigen wenigen Jahren beschäftigt, ist in der chinesischen Medizin längst Schnee von gestern, denn hier wird schon seit Jahrtausenden mit der Organuhr gelebt. Gemäss Vorstellung der östlichen Gelehrten durchfliesst unsere Lebensenergie den ganzen Körper in Meridianen. Alle zwölf Stunden hat ein Meridian zwei Stunden lang seine Maximalzeit, in welcher dieser verstärkt mit Energie versorgt wird. Jede dieser Leitbahnen hat einen Bezug zu einem der inneren Organe. Zwischen sieben und neun Uhr morgens arbeitet der Magenmeridian am intensivsten, demzufolge ist diese Zeitspanne auch optimal für ein reichliches Frühstück. Nächtliche Hustenanfälle zeigen sich gehäuft zwischen drei und fünf Uhr morgens, zur Maximalzeit der Lunge und Heilmittel bei Beschwerden von Leber und Galle empfehle ich jeweils vor dem zu Bett gehen einzunehmen, da die Le-Gbl-Organzeit zwischen 23 Uhr und 03 Uhr morgens am aktivsten ist.

 

Diskussion

Die Beschäftigung mit biologischen Rhythmen ist nicht neu, denn seit alters her werden gesundheitliche Aspekte in einen bestimmten zeitlichen Kontext gebracht. Indem die Menschheit die Nacht zum Tag macht, die Mobilität das Überspringen von Zeitzonen ermöglicht und die Unterhaltungselektronik die Menschen „erhellt“, gerät das Leben immer mehr aus dem Takt. Rhythmusräuber bringen unsere innere Uhr durcheinander, nicht selten enden solche „Taktlosigkeiten“ in lebensbedrohenden Krankheiten. Ich bleibe bei meiner Hypothese – ohne innere Uhr ist kein Leben möglich. Wir Menschen müssen nur wieder lernen, vermehrt auf unseren biologischen Taktgeber zu hören.

 

Quellenangaben

Kramer A. (2012): Die Haut besitzt eine innere Uhr. Regeneration und Reparatur sind tageszeitabhängig. Zugriff am 09.05.2013  http://www.charite.de/charite/presse/pressemitteilungen/artikel/detail/ die_haut _besitzt_ eine_innere_uhr/

Lemmer B. (2007): In jeder menschlichen Zelle tickt eine kleine innere Uhr. Zugriff am 08. 05.2013  http://www.uni-heidelberg.de/ presse/news07/2703inne.html

Moser M. (2008): Leben nach der inneren Uhr. Zugriff am 09.05.2012  http://www.medizinpopulaer.at/archiv/ seele -sein/ details/ article/leben-nach-der-inneren-uhr.html

Sassone P. (2012): Epigenetics, Brain and Behavior. Springer-Verlag, Berlin Heidelberg

Verhalten und Integration LF 09 (2013), Kapitel 2, S. 7, Westliche Chronomedizin